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Daseinsanalyse Philosophisch-anthropologische Grundlagen. Die Bedeutung der Sprache. Psychotherapieforschung aus daseinsanalytischer Sicht. Gion Condrau 1998, 235 S. J. Röll Verlag, Dettelbach ISBN 3-877-54135-1 |
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Rezension: Das Buch Daseinsanalyse von Gion Condrau bietet eine überarbeitete und stark erweiterte Neuauflage der 1989 erstmals veröffentlichen gleichnamigen Schrift. Wie schon die erste Auflage eröffnet dieses gut lesbare Buch einen kenntnisreichen Einblick in die philosophisch-anthropologischen Grundlagen der Daseinsanalyse und untersucht die Bedeutung der Sprache für sie. In dem Wirrwarr von verschiedenen Interpretationen des Wortes "Daseinsanalyse", die sich in psychiatrischen und psychologischen Lexika finden, sowie in mitten einer fast unüberschaubar gewordenen Anzahl von fremdsprachigen Übersetzungen daseinsanalytischer Begriffe versucht Condrau am Beginn seines Buches die grundlegende Bedeutung des Philosophen Martin Heidegger herauszuarbeiten und dadurch die Daseinsanalyse von einer anderen "Existenz(ialistischen)-Analysen" zu differenzieren. "Die Daseinsanalyse gründet philosophisch ausschliesslich im Denken Martin Heideggers". Dies soll natürlich keineswegs den Dialog mit anderen Philosophen verbieten und auch nicht die Fruchtbaren Möglichkeiten bestreiten, die sich aus solch einem Gespräch ergeben können. Condrau warnt vielmehr davor, die Wurzeln der Daseinsanalyse zugunsten eines oberflächlichen Synkretismus preiszugeben, in dem die mühsam über Jahrzehnte hindurch erarbeitete Gedankengut wurzellos zu werden droht. In diesem Sinne will das Buch auf die philosophischen Wurzeln der Daseinsanalyse hinweisen und damit zugleich den Horizont für weitere Dialoge und Diskussionen um die Weiterentwicklung dieser Grundlagen eröffnen. Nachdem die Biographie Heideggers dargelegt wurde, wird seine zentrale Frage nach dem Sein aufgegriffen. Condrau verweist hier darauf, dass die Frage nach dem Sein freilich die Philosophie seit alters her beschäftigte, dass aber Heidegger dem Sinn von Sein einen neuen Horizont zu eröffnen trachtet, indem dieser Sinnbereich als die Lichtung interpretiert wird, "in dem Sein anwesen kann". Der Mensch wird aus dem Innestehen in dieser Lichtung her verstanden und nicht als ein bloss vorhandenes Ding: dies ist auch für Psychotherapeuten von grosser Bedeutung, wie Condrau mit Heidegger betont. Zwar leugnet die Daseinsanalyse keineswegs die Erfolge der naturwissenschaftlichen Medizin, die auf den Grundlagen eines verdinglichten Menschenverständnisses beruhen, aber sie weisen darauf hin, dass dadurch die traditionelle Medizin noch lange nicht eine Therapie des ganzheitlich verstandenen Menschen geleistet hat. Wodurch aber zeichnet sich denn dieser Mensch näherhin aus, wenn er nicht durch messbar vorhandene Eigenschaften wesensgerecht bestimmt wird? Wie steht der Mensch in der Lichtung des Seins? Das Kapitel über die "Existenzialien" ist unterwegs zu einer Antwort auf diese Fragen. Die von Heidegger in seiner Analytik des Daseins erarbeiteten "Existenzialen" benennen die "Seinsweisen" des Menschen, d. h. geben die Wesensstrukturen zu erkennen, aufgrund derer ein Mensch Mensch ist. Condrau thematisiert hier die Offenständigkeit des Daseins im Hinblick auf die ursprüngliche Räumlichkeit und Zeitlichkeit. Die Zeitlichkeit birgt in sich auch die Dimension der der Geschichtlichkeit des Denkens. Ebenso Beachtung findet das ursprünglich verstandene Mitsein, d. h. die ursprüngliche Wesensbezogenheit der Menschen aufeinander, die jeglicher konkreten Begegnung vorangeht, indem sie die Möglichkeit hierzu allererst eröffnet; selbstverständlich wird auch die Alltäglichkeit, Uneigentlichkeit und Eigentlichkeit des Daseins angesprochen. Es folgen Analysen zur existenzialen Schuld und zur Grundbefindlichkeit der Angst. Gegenüber der Erstauflage werden in der Neuauflage neben der Angst auch andere Grundstimmungen gewürdigt, die Heidegger an verschiedenen Orten analysiert. Die Angst bleibt für die Psychotherapie von besonderem Interesse, da in ihr in einzigartigem Masse die Sterblichkeit des Menschen offenbar wird, ein Existenzial, dessen Austrag sich wiederum auf mannigfache Weisen in Neurosen pathologisch bekunden kann, wie Condrau in anderen Schriften bereits aufgewiesen hat. In der Neuauflage findet sich nicht nur eine Darlegung von einigen Bemerkungen Heideggers zur Sterblichkeit, sondern es wird auch kurz (unter Miteinbeziehung eines neuen Quellentextes Heideggers) auf das Verhältnis von Tod und Geburt eingegangen. Abschliessend kommt es noch zur Erörterung der existenzialen Leiblichkeit, der Rede und des Verstehens. Eine Erweiterung gegenüber der Erstauflage findet sich in dem neu hinzugefügten Kapitel über Medard Boss. Hier werden zunächst biographische Situationen seines Lebens genannt und einige Grundgedanken seiner wichtigsten Werke vorgestellt. Einen Kernpunkt der Darstellungen zu Boss betrifft dessen auf Heidegger zurückgehendes Verständnis von Krankheit und die diesbezüglich an ihm geübte Kritik auch von daseinsanalytischer Seite her. Bei Boss wird die Krankheit als eine Privation des Gesundseins verstanden. Darin eine rein negative Verkürzung zu sehen, dürfte verfehlt sein, die den positiven Sinn seelischen Leidens nicht mehr ersichtlich werden lässt. Mit dem Kapitel über die Bedeutung der Sprache in der Daseinsanalyse wird der zweite grosse Hauptabschnitt des Buches eingeleitet. Hier wird zunächst auf die sprachliche Vieldeutigkeit hingewiesen, die uns in Worten wie "Dasein", "Psyche", "Seele" begegnet. Es wird deutlich, dass ein achtsames und oft mühsames Hören auf die Sprache und Sprachgeschichte unumgänglich ist, um nicht grober Begriffsverwirrung Vorschub zu leisten. Das Kapitel über die Sprache der Philosophen behandelt u. a. Heideggers philosophische Auslegung des Sprechens und zeigt die Notwendigkeit sowie auch die Problematik einer schwer verständlichen Fachsprache. Diese Problematik verschärft sich, wenn es um interdisziplinäre Verständigung geht, der ein weiteres Kapitel gewidmet ist. In diesem wird klargestellt, wo eine Fachsprache angebracht ist und wo nicht: "In der psychotherapeutischen Begegnung gilt nur sprachliche Klarheit; Termini technici sind fehl am Platz". Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass für das Verständnis menschlichen Seins und Verhaltens eben doch eine "Fachsprache ... notwendig ist". Ein grosser Teil dieses Kapitels widmet sich der Untersuchung verschiedener psychoanalytischer Begriffe und versucht Dialogmöglichkeiten mit dem daseinsanalytischen Verständnis zu eröffnen , ohne jedoch "einem allgemeinen Eklektizismus das Wort zu sprechen". Es geht hier vielmehr darum, zu zeigen, dass ungeachtet der verschiedenen Sprechweisen dennoch ein sinnvoller interdisziplinärer Dialog stattfinden kann, dessen Ziel ein immer grösseres gegenseitiges Verständnis ist. In dem Kapitel über das phänomenologisch-hermeneutische Gespräch wird eine zentrale Aufgabe des Arztes thematisiert, nämlich "das Krankheitsangebot des Patienten auf dessen Sinngehalt hin ... zu erhellen", ein Geschehen, das sich im Gespräch immer auch in Form von Interpretation (aufweisender Auslegung) vollzieht. In diesem Kapitel finden sich sehr interessante Ausführungen zum "Sinn" von verschiedenen "psychosomatischen" Krankheiten. Das Band enthält abschliessend ein zusätzliches Kapitel, das sich mit der daseinsanalytischer Sicht befasst. Drei wesentliche Elemente der Psychotherapie sind Sprache, Gestimmtheit und (Reife-)Zeit (die nicht mit der chronologischer Zeit verwechselt werden darf). Lassen sich in diesem Bereich überhaupt statistische Untersuchungen sinnvoll durchführen? Lässt sich "Begegnung" von Wesensmässig freien Menschen quantifizieren? Was ist unter "Wirksamkeit" und "Forschung" in diesem Zusammenhang überhaupt zu verstehen? Das Kapitel enthält ebenfalls die Ergebnisse einer Umfrage an Daseinsanalytiker bezüglich der Wirksamkeitsforschung. Nachdem die philosophischen Probleme, die mit dem Anspruch auf einen Nachweis der "Wirksamkeit" einhergehen, thematisiert worden sind, blickt Condrau in einem nüchternen Ausblick auf die Zukunft der Daseinsanalyse in bezug auf diese (für ihr Fortbestehen nicht unwichtige) Frage. Ist es möglich, "dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist", d. h., ist es möglich, quantifizierbare Kriterien zu erarbeiten, die zwar dem Wesen des psychotherapeutischen Geschehens gegenüber blind sein müssen, jedoch aufgrund von neuzeitlichen Prämissen "richtige" Feststellung an diesem Geschehen konstatieren können? Wichtigste Aufgabe des Psychotherapeuten ist es, für den Patienten in vorspringender-befreiender Fürsorge da zu sein. Doch manchmal muss der Boden für die Möglichkeit einer solchen Fürsorge erst bereitet werden. Wenn quantifizierbare Wirksamkeitskriterien der Ausschlag dafür werden, ob leidenden Menschen überhaupt noch die Möglichkeit einer Therapie von seiten der Krankenkassen eröffnet werden soll, so scheint eine Bemühung um das Erstellen solcher Kriterien eine mitmenschliche Pflicht zu sein. Ist dies ein Verrat an der Philosophie? Wer dies glaubt, dem sei ins Gedächtnis gerufen, dass bereits in Platons Höhlenmythos der aus der Schattenwelt befreite Mensch wieder in diese hinabsteigt, um das Erfahrene mit anderen dort zu teilen - und koste dieser Abstieg das Leben. Es bleibt zu hoffen, dass die in die Zukunft gesprochenen einleitenden Worte dieses Buches an ihr Ziel kommen werden: "War es eine Zeitlang eher ruhig geworden um die Daseinsanalyse, so soll nicht zuletzt dieses Buch auch einer Wiederbelebung daseinsanalytischen Gedankengutes dienen". (Dr. Holger Helting, Universitätsdozent Stuttgart) |
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